Leseprobe
Das Leben des "El Señor Pepino"
Am 28. Juni 2005 legte sich meine Mama zum Gebären in ein kuschelig-warmes Weidenkörbchen, im feierlichen "Sala Camerón". Es war jetzt an der Zeit, der Welt den liebsten, schönsten und intelligentesten Kater zu schenken! So erblickte ich als Erster von drei weiteren Miezen meine Mama und das Licht der Welt. Als junger, stolzer Kater wuchs ich unter der "Corona de Aragón" am Königshofe de Aragón y Valencia, España als "Pepino Primero" wohlgehütet auf.
Später wurde ich als "El Marqués blanco y Nero I." bekannt und bereits ein Jahr darauf von meinem Vater, dem spanischen König Sancho Ramírez I. zum "El Señor Pepino Primero Grande geadelt.
Oh, wie habe ich allen hübschen Katzendamen am Hofe den Kopf verdreht und brach u.a. Serena, Carmen, Alejandra, Mireya, Dulcina, Marisa, Gianna, Primavera, Kenia, Olivia, Dolores, Romana, Vittoria, Rufina, Nita, Maria und Lora das Herz, sodass mich mein Vater eiligst zur Seefahrt schickte. So geschah es auf einer Erkundungsfahrt, im Jahre 2009: Auf der spanischen Armada, unter Herzog von Christobal Sardinas, kamen wir, vor allem durch Stürme und von ungünstigen Winden geschwächt, von der vorgegebenen Route ab und landeten im Basler Rheinhafen.
Als ich neugierig von Bord sprang, war ich erst mal froh, wieder richtigen Boden unter den Pfötchen zu haben. Voller Tatendrang schlenderte ich ins pulsierende Nachtleben der fremden Stadt. Was dann passierte, kann ich nicht erklären. Stunden später befand ich mich auf einem Baum in der Fasanenstrasse. Ich sass also als junger Spunt tatsächlich zwei Tage auf einem grossen Kastanienbaum und kam nicht mehr alleine herunter. Katz war mir das peinlich, so ein Malheur! Zum guten Glück wurde kein Bericht an den spanischen Hof geschickt!
Ich miaute mir fast die Kehle aus dem Halse, bis eine kleine, über neunzigjährige Señora auf mich aufmerksam wurde und mich eine Zeitlang bestens unterhielt.
"Du bist ein süsses Kätzlein, wie heisst du?"
"Gestatten, mein Name ist "El Señor Pepino Primero Grande von Aragón y Valencia, España" und zudem kein süsses Kätzlein, sondern ein ausgewachsener Kater von adliger Abstammung! Holen Sie mich bitte herunter; ich bin in eine äusserst missliche Lage geraten. "Hostia", fluchte ich miauend und versuchte vornehm zu wirken.
"Ach, so ist das! Ich heisse Madame Julie und wohne gleich ein paar Häuser weiter vorne. Ich kann auf keinen Fall selbst auf den Baum klettern, weil ich keine Leiter habe. Selbstverständlich werde ich gleich die Feuerwehr benachrichtigen!"
Es dauerte nicht lange, da kam die liebe Señora zurück. Sie hielt mir eine dicke Wurst, die am Ende eines Regenschirms aufgespiesst war, appetitlich unter die Nase und erkundigte sich höflich:
"El Señor Pepino, erweist Ihr mir die Ehre, diese feine Wurst zu verspeisen? Ihr werdet sicher sehr hungrig sein. Macht Euch keine Sorgen, hochwohllöblicher und allerorts gut gelittener Señor Kater, es wird bald Rettung kommen! War diese Anrede höflich und angemessen für Euch, El Kater?"
"Miau", schmatzte ich. Während ich mit unbändigem Heisshunger die Wurst verzehrte, erzählte sie mir dieses und jenes und von Venedig.
Endlich fuhr eine geschlagene Stunde später das Feuerwehrauto vor. Zwei Männer in blauen Overalls kamen beschwingt auf den Bau zu. "Männer!" betonte die Señora Julie aufgeregt und deutete hastig mit dem Zeigefinger auf den Baum.
"Gut seid ihr endlich da. Man hätte es dem "Gran Señor Pepino Primero" nicht mehr länger zumuten können!"
"Was für ein Señor Primogrande? Gibt's noch einen Notfall?" fragte der Feuerwehrmann gehetzt und schaute blinzelnd den Baum hinauf in die gleissende Mittagssonne. Nun erkannte er meine beklemmende Lage.
"Wissen Sie mit wem Sie es hier zu tun haben?" fragte Señora Julie den Feuerwehrmann, der gerade dabei war, mit schnellen Griffen die Leiter an den Kastanienbau zu stellen.
"Ja, der Notruf hiess: "KaBa! Also Katze auf Baum!"
"Nein, nein, nicht einfach eine Katze!" korrigierte sie eindringlich. "Es ist der "El Señor Pepino aus Valencia", persönlich! Verstehen Sie?"
"Na, dann hat er's jetzt auch kapiert!" dachte ich gelöst und schon war er auf meiner Höhe.
Ordnungsgemäss informierte er: "Hallo Kater Pepino, ich bin Freddy von der Basler Feuerwehr. Keine Angst, ich hole dich da runter!"
Die kleine Señora schaute neugierig dem Rettungsmanöver zu und gab hin und wieder wichtige Anweisungen.
Unterdessen hielt mir Freddy eine Basler "Catbox for immediate tree rescue" hin. Über dem Eingang der Box stand: "Herzlich willkommen." Zur linken Seite thronte stolz der schwarze Baslerstab und zur Rechten das Bild des heiligen Christophorus. Mit eleganten Schritten und aufrechtem Schwanz stolzierte ich noch etwas tapsig in die Box. Die Innenausstattung liess zu wünschen übrig. Sie war keineswegs standesgemäss. Ich hätte zumindest ein weiches, purpurfarbenes Kissen mit goldenen Quasten, erwartet.
"Adäquate Befreiung", scherzte ich zu Freddy, um meine peinliche Situation zu überspielen. Er beruhigte mich, indem er mir sanft über den Rücken strich und meinen Kopf kraulte. Ich muss gestehen, dies tat mir unglaublich gut. Es war schon lange her, seit dies Dolores getan hatte! Dennoch, die zwei Tage auf dem Baum, das war die schlimmste Zeit meines Lebens. Dank der netten Señora war ich nicht aus lauter Hunger mausetot vom Baum gefallen!
"Hostia, Freddy! Lass ich jetzt wieder aus der Box!" miaute ich scharf. "Die Rettung ist getan und ich kann wieder auf eigenen Pfoten stehen!".
Munter fragte die Señora den Feuerwehrmann: "Haben Sie noch Zeit für einen Grappa?" "Leider nein, wir sind noch im Dienst. Zudem müssen wir unseren adligen Besucher im Tierheim einquartieren. Trotzdem, vielen Dank!" flötete Freddy der Señora zu und trug mich zum Auto.
Katzenknast
Mein herzerweichendes Miauen nützte nichts. Die edle Willkommensbox war wieder ein Reinfall! Unschuldig und wie ein mieser Verbrecher wurde ich abgeführt. Ich war ausser mir, denn ich hatte nichts verbrochen, niemanden betrogen oder gar bestohlen und trotzdem landete ich zehn Minuten später im Katzenknast, abgelegen am Rande der Stadt. Grosse Panik kam auf, denn wegrennen konnte ich nicht und somit sass ich wieder ausgeliefert in der Falle. Jetzt hiess es Nerven bewahren und die Ruhe nicht verlieren, nein umgekehrt! Ach, wo steht mir mein Kopf? ....