Leseprobe

Der arrogante Kater

Sein Aussehen ist makellos. Seine Nase schneeweiss. Nicht wie andere, die ein schwarz geflecktes Köpfchen haben. Nein dieser schwarz-weisse Prachtskater ist durch und durch hübsch. Liegt er auf der Seite, könnte katz denken, er sei eine weisse Katze, denn nur am Rücken und am Schwanz war er schwarz. Man sagt, die Fellfarbe verrate viel über den Charakter! Schwarz-weisse Katzen gelten als besondere Intelligenzbestien. Sie sind sehr aktiv und erstaunlich geschickte Jäger. Allerdings brauchen sie durchaus eine gewisse Zeit, um eine enge Bindung zu ihrem Menschen aufzubauen. Doch hat die Bezugsperson erst einmal das Herz eines schwarz-weissen Katers erobert, hat man mit Sicherheit einen treuen Freund fürs Leben gewonnen. Nun, hoffen wir, dass dies auch für mich gilt. Ich finde ihn ausgesprochen hübsch. Als grosse Tuxedokatze besitzt er vornehme Schnauzhaare und seine Augen sind himmlisch grün. Seine Grösse stattlich und sein Alter bereits fortgeschritten.

Der Kater hatte sich sein Schlafplätzchen im Boudoir wieder zurück erobert. Er räkelte sich genüsslich in der Sonne am Fenster. Da er mich ignorierte, tat ich dasselbe. Dösend lag ich auf dem weichen Wollteppich, doch stets wachsam, um einen Angriff abzuwehren. Seit seiner Ankunft war alles anders. Es gab kaum einen Wortwechsel. Irgendwann schienen ihm doch ein paar Fragen auf der Zunge zu brennen. Er schaute auf mich herunter und miaute:

"Woher bist du?"

Ich hob meinen Kopf und schaute in seine Richtung.

"Meinst du mich?", miaute ich überrascht.

"Ja, oder ist sonst noch jemand hier im Raum?", knurrte er.

"Aus Alpseerütti. Weisst du wo das ist?", fragte ich nach.

"Tönt nicht nach einer pulsierenden Metropole wie Aragón oder Valencía! Nein, kenn ich nicht." Dann hielt er seine Nase in die Höhe und kratzte sich am Halse.

"Nicht?", fragte ich unsicher.

Er schaute wieder auf mich herunter und fuhr fort: 

"Folglich muss ich annehmen, und dies - tut mir sehr leid dir das mitteilen zu müssen, a-b-e-r…" (er zog das aber affig in die Länge) "…dass das ein ziemlich belangloser Ort sein muss!" 

Während ich beleidigt meinen Kopf senkte, miaute ich ganz leise vor mich hin: "Alpseerütti ist ein wunderschöner Ort. Er muss nur mir gefallen!"

"Das stimmt! Verfügst du über einen Stammbaum?", knurrte er abermals.

"Ja, natürlich!", piepste ich. "Wie alle Katzen."

"Ach je, aus deiner Antwort erkenne ich, dass das Fräulein k-e-i-n-e Ahnung hat, was ein Stammbaum ist!", foppte er. "Also, du hast keinen!"

Trotzdem liess es dem Kater keine Ruhe, und er fuhr fort:

"Woher bist du wirklich? Eine Rassenkatze scheinst du auf gar keinen Fall zu sein!", demütigte er mich weiter.

"Ich bin auf einem Hof im Emmental aufgewachsen", miaute ich stolz und versuchte, meine gute Laune zu bewahren.

"Das ich nicht lache. Du kannst von Glück reden, dass ich mit einer solch stinkgewöhnlichen Bauernhofkatze überhaupt rede, geschweige denn mich abgebe! Zudem kann ich nicht verstehen, warum mir das zugemutet wird; und dazu noch im selben Haushalt!"

Bei seinen scharfen, kränkenden Bemerkungen schnürte es mir schier Hals und Magen zu. Er liess es sich nicht nehmen, mich zu belehren und dozierte:

"Ein Stammbaum dient der Dokumentation der Abstammung einer Rassenkatze. Er ist ein Nachweis über Ahnen- und Stammtafel und umfasst bis zu fünf Adelsgenerationen. Ich zum Beispiel bin am Hofe von Aragón y Valencía geboren und aufgewachsen", gurrte der Kater arrogant.

"Siehst du, also auch auf einem Hofe, wie ich. Du bist nichts Besseres! Hast du eine Geburtsurkunde, in der alles genauso dokumentiert ist?", gab ich freundlich, doch bestimmt zurück. Ich war ja nicht blöd und liess mich nicht einschüchtern.

Nun setzte sich der Kater auf und starrte mich an. Er überlegte kurz und fuhr dann fort:

"Am Königs-H-O-F-E versteht sich. Ich bin von adliger Abstammung. El Señor Pepino Primero von Aragón y Valencía, dies ist mein Adelstitel. Aber eine schlichte Bauernhofmieze wie du, kann dies schlecht verstehen. Das ist schon klar!", knurrte er.

Ich gab zurück: "Bevor ich nicht deine Geburts- und Adelsurkunde gesehen habe, glaube ich dir kein Wort! Meine Tante Amelie, zum Beispiel, hat mir das grosse Buch unserer Felinischen Ahnentafel gezeigt. Ich habe sie mit eigenen Augen gesehen und kann bezeugen, dass unsere Familie einen Stammbaum besitzt! Zeig mir deinen!"  ....